Dream of Last Night

Dream of Last Night ist ein Langzeitprojekt über Nähe, Erinnerung und das leise Weiterträumen.

Seit 1990 entstehen Studioporträts von Menschen unterschiedlichster Generationen. In den Begegnungen geht es nicht um Biografien im klassischen Sinn, sondern um etwas Fragileres: um den Traum der letzten Nacht. Oder um Bilder, die immer wiederkehren, ein Leben lang.

Träume sind flüchtig. Sie entziehen sich klaren Worten und festen Bildern. Genau dort setzt das Projekt an. Die erzählten Träume werden nicht illustriert, sondern übersetzt – mit fotografischen Negativen. Bilder, die aus anderen Zeiten stammen. Bilder mit einem eigenen Vorleben, ohne festgeschriebene Geschichte.

Die Wahl des Negativs ist dabei kein formaler Effekt, sondern eine bewusste Haltung. Negative brechen Sehgewohnheiten. Sie verweigern das schnelle Erfassen, das beiläufige Weitersehen. Wer schaut, muss lesen: Hell wird dunkel, Nähe kippt in Distanz, Vertrautes wird fremd. Dieser verlangsamte Blick öffnet einen Raum, in dem die Betrachter:innen tiefer eintauchen können – in die Traumwelt der Porträtierten, aber auch in ihre eigene.

Gleichzeitig tragen die Negative dem Wesen des Träumens Rechnung. Träume sind real und doch nicht wirklich. Selbst wenn sie in bekannten Räumen spielen, entziehen sie sich jeder dokumentarischen Logik. 
Die Negativdarstellung schließt eine vermeintlich reale, objektive Lesart von vornherein aus. Sie macht klar: Diese Szenen sind keine Abbilder der Wirklichkeit, sondern innere Bilder. Erinnerte, verschobene, verfremdete Wahrnehmungen.

In der Montage begegnen sich zwei Ebenen: das Porträt eines heutigen Menschen und ein fremdes Bild aus einem anderen Kontext – beide im Negativ. Zwischen ihnen entsteht ein Zwischenraum, der dem Traum ähnelt. Nichts erklärt sich vollständig. Bedeutungen bleiben offen. Die Bilder erzählen nicht den Traum, sondern öffnen einen Resonanzraum für Assoziationen, eigene Narrative, persönliche Erinnerungen.

Was sichtbar wird, ist etwas zutiefst Menschliches: Dass wir alle träumen. Dass uns Sorgen nicht selten bis in den Schlaf verfolgen – unabhängig von Alter, Herkunft oder Lebensphase. Dass Träume sich verändern, aber nicht verschwinden. Und dass sie uns etwas bewahren, selbst dann – oder gerade dann –, wenn die Welt rauer wird.

In einer Zeit, die Illusionen nimmt, Sicherheiten infrage stellt und von zunehmender Härte geprägt ist, insistiert Dream of Last Night auf der Notwendigkeit des Träumens. Nicht als Flucht, sondern als innere Bewegung. 
Als Fähigkeit, sich etwas vorzustellen, das noch keinen festen Ort hat. Als leiser Widerstand gegen Verhärtung.

Die Arbeit lädt dazu ein, langsamer zu schauen. Sich einzulassen. Eigene Träume wieder ernst zu nehmen – die nächtlichen ebenso wie die wachen. Denn vielleicht ist das Weiterträumen keine Frage des Alters, sondern eine Form von Haltung. Eine, die uns verletzlich hält. Und lebendig.