Years

YEARS versammelt anonyme Fotografien aus Flohmarktbeständen, privaten Nachlässen und Aufkäufen ohne belastbare zeitliche Angaben. Es sind Bilder, die ihren ursprünglichen Kontext verloren haben: keine gesicherte Provenienz, keine verlässliche Chronologie, keine eindeutige biografische Zuordnung. Was bleibt, ist das fotografische Fragment – und die Leerstelle seiner zeitlichen Verankerung.

Statt diese Lücke zu schließen, macht die Arbeit sie sichtbar. Jedes Bild erhält eine Jahreszahl. Diese Datierungen beruhen nicht auf historischer Recherche, sondern auf einer intuitiven Setzung. Manchmal treffen sie zufällig zu, meist nicht. Entscheidend ist weniger ihre faktische Richtigkeit als ihre Behauptungskraft: Auch dort, wo Wissen fehlt, steht eine Zahl. Ein scheinbar objektiver Anker. Eine minimale Geste mit maximaler Wirkung.

Die Arbeiten erscheinen konsequent im Negativ. Licht und Schatten sind umgekehrt, Vertrautes wird fremd, Lesbarkeit wird verlangsamt. Diese visuelle Umkehrung trifft auf eine mögliche Umkehrung der Chronologie durch die gesetzte Jahreszahl. Es entsteht eine doppelte Irritation: Das Bild entzieht sich der unmittelbaren Wiedererkennung, während seine zeitliche Einordnung instabil wird. Nicht der fotografische Inhalt wird manipuliert, sondern seine Datierung – jene Instanz, die dem Bild gemeinhin historische Autorität verleiht.

Die Jahreszahl ist dabei kein Kommentar und keine erläuternde Bildunterschrift. Sie gehört zum Werk – auch dann, wenn sie außerhalb des fotografischen Motivs steht. Bild und Zahl bilden eine Einheit. Die Datierung ist integraler Bestandteil der Arbeit, nicht nachträgliche Annotation.

Wenn die Jahreszahl intuitiv gesetzt wird, entsteht keine alternative Chronologie. Es wird keine Geschichte korrigiert, kein Gegenarchiv konstruiert, kein Publikum bewusst getäuscht. YEARS operiert nicht mit fiktiven Narrativen, sondern mit realem Nicht-Wissen. Die Arbeit spielt nicht „Gott des Archivs“. Sie macht sichtbar, dass jede zeitliche Zuschreibung unter Bedingungen unvollständiger Überlieferung prekär bleibt.

Mich interessiert die Erinnerung als Konstruktion – für das Archiv als emotionale Wahrheit, nicht als faktische. In dem Moment, in dem eine Jahreszahl gesetzt wird, beginnt Projektion: Betrachter:innen prüfen Stile, Kleidung, technische Details, vergleichen mit eigenen biografischen Bezugspunkten. Das Bild wird nicht nur betrachtet, sondern gelesen.

Gerade in einer Gegenwart flüchtiger digitaler Bildökonomie, manipulierbarer Metadaten und algorithmisch sortierter Speicher stellt YEARS eine grundlegende Frage neu: Was verleiht einem Bild zeitliche Autorität? Reicht eine Zahl? Die Arbeit verschiebt den Fokus von der dargestellten Szene auf ihre Zuschreibung – von der sichtbaren Oberfläche zur unsichtbaren Chronologie.

Wo das Archiv schweigt, beginnt die Projektion.
Und vielleicht beginnt hier auch die eigentliche Arbeit der Erinnerung.